Ironman Triathlon World Championship, Kailua-Kona – Hawaii, 21.10.2006

 

 

3.8km Schwimmen - 180km Radfahren – 42.2km Laufen

 

 

 

 

HANG LOOSE - Erdbeben, Tsunamiwarnung und IRONMAN

 

von Daniel Sigg

 

 

 

 

 

 

 

Dieses geheimnisvolle Gefühl von unbekannten Dimensionen, wenn man in die Fluten des Stillen Ozeans eintaucht. Majestätische Schildkröten, elegante Rochen, verspielte Delfine. Ein Hauch von Blütenduft, der in der Luft liegt. Bizzare Lavaformationen. Ein Regenbogen der sich über die Bucht spannt. Ein ehrfürchtiges Schauder angesichts einer Urgewalt, die sich manchmal heftig bebend unter den Füssen bemerkbar macht. Die Gewissheit, dass sonst so Wichtiges plötzlich zweitrangig ist. All dies ist Hawaii.

 

Nun ja, das ganze Abenteuer startet bereits mit einem riesigen „Dussel“. Ein Stunde vor der Landung in Kona am 15.10. teilte uns der Copilot mit, das sich vor zwei Stunden auf Big Island ein Erdbeben der Stärke 6.7 ereignet hatte, dass der Notstand ausgerufen sowie eine Tsunamiwarnung ausgesprochen wurde, weshalb wir einer der letzten Flieger seien, der heute noch auf Big Island landen könne. Mit einer Schadensbilanz von „nur“ 70 Mio. US Dollar erwiesen sich die entstanden Schäden glücklicherweise als gering und es gab Gott sei dank nur ein paar Leichtverletzte. Tja; da haben alle auf der Insel mächtig Glück gehabt.

 

Weil unser Hotel nach der Tsunamiwarnung evakuiert wurde, konnten wir unsere Zimmer erst gegen Abend beziehen. Für die Nacht waren Nachbeben angesagt, weshalb wir eine Notfalltasche für eine allfällige weitere Evakuation bereithalten mussten. Schöne Ferien.....

 

Es gab aber glücklicherweise keine Nachbeben mehr und so verbrachte Dagmar den nächsten Morgen im Palmengarten am Pool, derweilen ich die Rennmaschine zusammenschraubte und eine erste Testfahrt - mit Platten und dazugehörigem Reifenwechsel - auf der Wettkampfstrecke absolviert, wo ich bereits wieder die Bekanntschaft mit den berüchtigten Mumuku-Winden schliessen konnte. Diese böenartigen Passatwinde können die Athleten praktisch zu Stillstandsversuchen auf dem Rad zwingen.

 

 

Die Woche vor dem Wettkampf war zudem voll gespickt mit Aktivitäten:

 

·         Traditionelles, allmorgendliches Schwimmtraining in der Bucht von     Kona mit allen Cracks

·         Abholen der Wettkampfunterlagen

·         Besuch der Ironman Expo und natürlich Shopping

·         Zwischen durch kleinere Ausflüge mit Dagmar

·         Pasta Party (20 $ für Nudeln, Sauce und Trinkwasser!),

·         Nationenparade und Wettkampfbesprechung

·         Luau- und Hula-Show gucken

·         Small talk unter Athleten, Betreuern und Einheimischen (Live Aloha!)

·         Bike und Gear Check in etc.

 

Ansonsten habe ich versucht, mich nicht von der Hektik anstecken lassen und nicht mehr viel trainiert, sondern nur noch etwas „bewegt“. Die Temperaturen betrugen tagsüber um die 38 Grad und sanken in der Nacht nie unter 23 Grad.

 

Und dann war es endlich so weit: Raceday!

 

 

 

4.00 Uhr   Tagwache

4.30 Uhr   Frühstück und 800 Meter Fussmarsch vom Hotel zur Wechselzone

5.00 Uhr   Eintreffen in der Wechselzone, 1. WC Besuch, Bodymarking, Reifen pumpen

6.15 Uhr   Übergabe Velopumpe an Dagmar, 2. WC Besuch

6.30 Uhr   letzter Materialcheck und 3. WC Besuch

6.40 Uhr   ab ins Wasser, einschwimmen

6.45 Uhr   Start der Profis

6.55 Uhr   Einreihen an der Startlinie

6.57 Uhr   Zeigefinger an die Starttaste der Stoppuhr legen und Amerikanische Nationalhymne auf hawaiianisch anhören..

7.00 Uhr   Startschuss!

 

Ja, diese Vorstart-Atmosphäre in Hawaii ist etwas ganz besonders - die spezielle Anspannung ist förmlich greifbar. Sehr viele Athletinnen und Athleten haben Monate, wenn nicht Jahre hart trainiert und viele Entbehrungen auf sich genommen, um sich für Hawaii zu qualifizieren und jetzt ist man hier und in wenigen Augenblicken geht der grosse Traum in Erfüllung...

 

Ein hoher Wellengang machte den Athleten das Schwimmen in diesem Jahr nicht gerade einfach und ich musste ständig darauf achten, den richtigen Kurs zu halten und nicht zuviel Wasser zu schlucken. Nach etwas mehr als einer Stunde hatte ich wieder festen Boden unter den Füssen und wechselte aufs Rad. Die Strecke führte zuerst in einer Schlaufe durch Kona, was sehr Zuschauer freundlich ist und nach 10 km raus auf den Highway 11 und rein in die Lavawüste Richtung Norden. Es war bewölkt und nicht so brütend heiss wie bei meiner ersten Teilnahme 1999. Trotzdem aber achtete ich penibel darauf, zwischen den Verpflegungsstelle, welche alle 8 Meilen aufgebaut waren, jeweils mindestens 2 Bidons zu trinken. Nach leicht coupierten 90 km war der Wendepunkt in Hawi erreicht und es ging mit immer wechselnden Rücken- und Gegenwinden zurück Richtung Kona. Bei Km 130 setzte für ca. 15 Minuten ein starker Regen ein, der aber auf Grund der hohen Temperaturen keine wirkliche Abkühlung brachte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine Megakrise „eingefangen“ von der ich mich erst bei Km 170 wieder einigermassen erholt hatte. Aufgeben war aber nie ein Thema für mich, denn auf Hawaii heisst es: To win is to finish; Zeit und Rang sind egal.

 

Auf jeden Fall war ich sehr froh, nach 180 Radkilometern in die Laufschuhe wechseln zu können. Trotz den „kühlen“ Temperaturen nutzte ich bei jeder Verpflegungsstelle reichlich das Getränkeangebot und versuchte mich mit Eis in der Dächlikappe abzukühlen. Auf der ganzen Strecke riefen die enthusiastischen Zuschauer den Athleten die „grösste hawaiianische Lüge“ zu: „Come on, go, go - you are looking good!“

Die Laufstrecke geht 7 km den Alii Drive entlang bis zum ersten Wendepunkt und zurück nach Kona - vor dem Hotel feuert mich Dagmar an - die Palani Road hoch und hinaus auf dem Highway 11 Richtung Flughafen. Dies ist ein sehr eintöniger Streckenabschnitt: Wenig bis keine Zuschauer, kein Schatten, keine Abwechslung, nur Asphalt und Strommasten. Bei km 28 biegt die Strecke links Richtung Meer zum Energy Lab ab, dem heissesten Abschnitt der Strecke. Dort befindet sich der zweite Wendepunkt und es geht wieder hinauf zum Highway und zurück nach Kailua-Kona. Kurz vor der Stadt, die berühmte Steigung, wo 1989 im so genannten Ironwar-Rennen Mark Allen Dave Scott abhängen und so seinen ersten von insgesamt sechs Siegen erringen konnte.

 

Auf der Laufstrecke ist vor allem Kopfarbeit angesagt, ich reissen mich ein letztes Mal zusammen und erreiche den Stadtrand von Kailua-Kona. Das Gefälle der Palani Road ist nicht mehr fern, es geht wieder hinunter. Langsam kann ich mich aufs Finishen freuen. Noch einmal links und dann rechts auf den Alii Drive einbiegen und nun lasse ich mich von den begeisterten Zuschauern die letzte halbe Meile ins Ziel tragen.

 

 

Nach 10 Stunden 18 Minuten 08 Sekunde überquerte ich die magische Finish Line. Wie bei jedem Landdistanzrennen waren die letzten Kilometer wieder einmal sehr hart. It’s done: Saison 2006 erfolgreich beendet! Ich bekomme wie jeder Finisher den Lei und die Medaille umgehängt und werde von einem persönlichen Bodyguard zur Massage, Verpflegung (Pizza und Glace) und zum Fotoshooting geleitet. Dagmar darf dank dem Familypass auch in die Wechselzone und alles miterleben.

Wieder zurück im Hotel zuerst einmal Duschen, meine Füsse sehen gar nicht so übel aus wie befürchtet, zwei Stunden schlafen und Burger und Fritten reinziehen. So kurz nach 22 Uhr mache ich mich auf die Socken zurück an die Finish Line, um die letzten Athleten anzufeuern und nochmals die ganz besondere Atmosphäre des IRONMAN zu geniessen. Es war wieder grossartig an diesem Anlass teilzunehmen.

 

Nach dem Wettkampf verbrachten Dagmar und ich noch eine schöne Ferienwoche auf Big Island und dann ging es leider schon wieder zurück nach good old Europe. Aber wir kommen wieder... Live Aloha and Hang loose!

 

 

Vielen Dank an Daniel für den tollen Bericht.

 

Klaus Loder